Die Taubheit der weißen Katze

Die Farbe weiß wird in vielen Kulturen mit positiven Eigenschaften wie Reinheit, Klarheit, Unschuld oder Eleganz in Verbindung gebracht.

Int. Ch. Serena Vita's Dineko

 

Natürlich ist es ein atemberaubendes Bild: Eine mysteriöse, elegante Katze – mit halblangem, seidig weichen Haar, das sich dicht an den Körper schmiegt und in einem reinen weiß erstrahlt und glänzt wie frisch gefallener Schnee....

 

Ein Bild, das sicherlich für viele Katzenliebhaber ein absoluter Traum ist – und für den sie widerum viele andere sicherlich verurteilen und beschimpfen würden!

 

Warum?

"Na, weiße Katzen sind doch taub!"
- Das stimmt so natürlich nicht ganz.

 

 

Vorab sei gesagt:

 

Ja. Weiße Katzen können eingeschränkt hörfähig oder gar taub sein.

Es gibt allerdings auch viele weiße Katzen, die absolut funktionstüchtige Ohren haben.

 

 

 

Wie funktioniert eigentlich das Gehör? Wie ist das Ohr aufgebaut und wie kommt letzten Endes das gehörte Geräusch im Gehirn an?

 

Das Ohr der Katze ist ähnlich aufgebaut wie das Ohr des Menschen.

Der zu übertragende Reiz ist das Geräusch in Form von Druckwellen (= Schall).

Dieser wird über die trichterförmige Ohrmuschel aufgefangen und durch den äußeren Gehörgang zum Trommelfell weitergeleitet.

Das Trommelfell überträgt den Schall an die Gehörknöchelchen, welche den Reiz verstärken.

Bis zu diesem Punkt funktioniert auch das Ohr eines weißen Tieres mit angeborener Taubheit identisch. Das eigentliche Problem beginnt erst bei der Weiterleitung des Schalls an das Gehirn. Dieser Vorgang findet im Inneren der Gehörschnecke statt. 

Sie beinhaltet die für die Reizweiterleitung benötigten Rezeptorzellen, die aufgebaut sind wie feine Haare. Einfach ausgedrückt "stehen“ diese Haarzellen und werden durch den auftreffenden Schall gebeugt - diese Beugung wird an das Gehirn weitergeleitet und zu dem Gehörten verarbeitet.

 

Der Grund der Taubheit findet sich im Aufbau des durch das W-Gen verursachten weißen Haares.

Dem Haar fehlen durch das Gen jegliche Melanozyten, also die Zellen, die dem Fell Farbe (= Pigment) verleihen. Dieses Phänomen nennt sich "Leuzismus".

Anders als pigmentiertes Haar, ist das farblose, weiß erscheinende Haar instabil.

Es ist nicht in der Lage, sich aufzurichten und "stehen“ zu bleiben.

So ist die Weiterleitung des Schalls innerhalb der Gehörschnecke nicht möglich und die Katze ist taub

 

Weiß ist allerdings nicht gleich weiß.

Auch in der Haarstruktur vorhandene Restpigmente können dem Haar ein Stück weit eine gewisse Stabilität zurückgeben – so entstehen eingeschränkt hörfähige weiße Tiere.

 

Einen Rückschluss auf vorhandenes Restpigment kann z.B. die Augenfarbe des Tieres geben.

Es existieren Studien (z.B. nach Bergsma & Brown 1971 oder nach Mair 1973), die einen Zusammenhang zwischen Hörfähigkeit und Augenfarbe nahelegen.

Aus den Ergebnissen der Studien lässt sich schließen, dass blauäugige Tiere das höchste Taubheitsrisiko besitzen, gefolgt von odd eyes und das niedrigste Taubheitsrisiko haben weiße Tiere mit 2 pigmentierten Augen. 

Ch. Alia von Al Rashiga, Int. Ch. Serena Vita's Dineko, W. Ch. Loukoum de la Mosquèe Bleue

Richtig interessant wird das Thema Taubheit weißer Tiere allerdings erst nach jahrelanger Zucht ebendieser.

 

Mir sind Fälle zu Ohren gekommen, bei denen nicht nur rein weiße Tiere (epistatisches Gen W) eingeschränkt höfähig sind, sondern ebenfalls scheckungsweiße Tiere (Gen Ws) und sogar nicht-weiße Tiere.

 

Wenn die genetische Taubheit mit dem W-Gen zusammenhinge, wie können dann Tiere betroffen sein, deren Genom dieses Gen überhaupt nicht aufweist?

 

Es existieren verschiedene Theorien, z.B. dass die Taubheit in unregelmäßiger Penetranz nicht ausschließlich an das W-Gen (Weiß) gekoppelt ist, sondern dass mehrere Allele verschiedener Genorte Auswirkungen auf die Hörfähigkeit haben.

Es wird empfohlen, eine Homozygotie auf das W-Gen zu vermeiden, das heißt, weiße Tiere ausschließlich mit andersfarbigen Tieren zu verpaaren, um eine gewisse Genvarianz in puncto Farbe zu erhalten.

 

Meiner Meinung nach greift in oben genannten Fällen ebenfalls die Theorie der Restpigmentation.

Wenn über Jahre weiße Tiere miteinander verpaart wurden, können sicherlich auch bei Tieren, deren sichtbares Fell farbig erscheint, Pigmentmängel im Bereich der im Ohr befindlichen Rezeptorzellen – und damit verbunden eine mangelhafte Hörfähigkeit – die Folge sein.

 

Es gibt viele Faktoren, die das Pigment aufhellen.

Darunter z.B. Verdünnung (Gen d), Agouti (Gen A) sowie der Inhibitorfaktor, das sog. Silber oder Smoke (Gen I).

 

Bei der Zucht mit weißen Tieren liegt es in der Verantwortung des Züchters, einen bestmöglich passenden Paarungspartner zu wählen, um das Risiko für taube und teilweise taube Tiere möglichst gering zu halten – denn solange es die Nachfrage für weiße Kitten gibt, wird die Weißzucht weiter bestehen.

Letztes Update:        22. November 2020

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© Jannika Kliebisch